Kleine Geschichte des §218
Vortrag von Herrad Schenk, gehalten 1991
Die Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre entstandene Frauenbewegung (die sich in Abgrenzung von der Frauenbewegung der Jahrhundertwende als "neue Frauenbewegung" bezeichnete, hat sich im Kampf um den §218 gebildet. 1971 fand die große Selbstbezichtigungsaktion "Ich habe abgetrieben" im "Stern" statt. An der Aktion beteiligten sich viele prominente Frauen. Viele vereinzelte Frauengruppen, die sich im Umfeld der Studentenbewegung oder als sozialliberale Diskussionszirkel gebildet hatten, wandten sich der Kampagne gegen den §218 zu. Die "Aktion §218" wurde der Schmelztiegel, der vielen Gruppierungen und Aktivitäten von Frauen eine neue Identität gab. Anfang der 70er Jahre verbreitete sich das Bewußtsein: "Es gibt wieder eine deutsche Frauenbewegung". - Mit Slogans wie "Mein Bauch gehört mir" oder "Ob wir Kinder wollen oder keine / bestimmen wir alleine" gingen viele Tausende von Frauen auf die Straßen.
Die zentrale Bedeutung des Kampfes gegen den §218 für die Entstehung der neuen Frauenbewegung ist um so erstaunlicher, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass das Thema "Abtreibung" in den Aktivitäten der ersten bürgerlichen Frauenbewegung keinen großen Stellenwert hatte. Für die Frauenrechtlerinnen der Jahrhundertwende war der Kampf um Bildung und Beruf, um die politische Partizipation der Frauen entscheidend. Dabei waren die sozialen Mißstände, die sich aus mangelhafter Verhütungskenntnis und -praxis für die Frauen ergaben, zu Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel gravierender. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre aber, als sich die Feministinnen für die Streichung des §218 stark machten, gab es längst keinen "Gebärzwang" mehr wie zu Jahrhundertbeginn; längst hatte die "Pille" als nahezu perfektes Verhütungsinstrument ihren Siegeszug durch alle westlichen Industriestaaten angetreten. Auf den ersten Blick war der §218 in dieser historischen Situation ein "veraltetes" Thema. Warum hatte er trotzdem solche gesellschaftliche Sprengkraft, die ihm bis heute innewohnt?
Wenn wir diese Frage beantworten wollen, müssen wir die Probleme von Schwangerschaftsabbruch und Geburtenregelung in einer umfassenderen historischen und soziologischen Perspektive sehen.
Fruchtbarkeitsregulierung und auch die Abtreibung als eine Methode der Fruchtbarkeitsregulierung - hat es zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften gegeben. Aber erst zu Ende des 19. Jahrhunderts und bis in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts wurde die Abtreibung zu einem dramatischen gesellschaftlichen Problem, einmal weil die Zahl der Abbrüche extrem anstieg, zum anderen, weil sie mit gefährlichen Mitteln vorgenommen wurden, die nicht selten dauerhafte Schädigungen bei der Frau hinterließen oder gar zu ihrem Tod führten.
Der Anstieg der Abtreibungen war vor allem im industriellen Proletariat zu verzeichnen, wo riesige Kinderzahlen gleichbedeutend mit der Verelendung der ganzen Familie waren. Da Mann und Frau in dieser Schicht (die erst mit der Auflösung der alten Strukturen der agrarisch-handwerklichen Gesellschaft entstanden war) früh sexuelle Beziehungen eingingen, war die Fruchtbarkeit der Frauen relativ groß. Durch die sich langsam verbessernden hygienischen Bedingungen überlebten nun auch Säuglinge das Kleinkindalter - und spätestens nach dem vierten oder fünften Kind wußten die Frauen, die ja wie ihre Männer außerhäuslich arbeiteten, nicht mehr ein noch aus. In dieser Phase erschien die Abtreibung vor allem als ein Unterschichtsproblem, das im Zusammenhang mit Massenverelendung und zu niedrigem HeiratsaIter seine Brisanz gewann. Deswegen waren es auch eher die Sozialistinnen, die sich dieses Problems bewußt wurden, als die Anhängerinnen der bürgerlichen Frauenbewegung.
Wenn wir historisch weiter zurückschauen , können wir feststellen, dass die Abtreibung deswegen relativ seltener war, weil andere Methoden der Geburtenregelung weiter verbreitet waren. In früheren Epochen unseres Kulturkreises (wie auch in den meisten außereuropäischen Kulturen) kam der nachträglichen Fruchtbarkeitsregulierung die größte Bedeutung zu. In den patriarchalen Hochkulturen Griechenlands und Roms war das Aussetzen und Töten von Säuglingen allgemein üblich, wenn die Zahl der erwünschten Nachkommen erreicht war. In Rom hatte der Pater familias das Recht, über Leben und Tod der Neugeborenen zu bestimmen. Doch in den meisten Gesellschaften, vor allem bei den Naturvölkern, übten die Frauen dieses Recht stillschweigend selbst aus.
Es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Zahl der Nachkömmlinge im angemessenen Verhältnis zur Nahrungsgrundlage der Gemeinschaft stand. Die Kindstötung war dabei die einfachste und früheste Form der Geburtenregulierung, weil sie weniger gefährlich war als die Abtreibung. Neugeborene galten in vielen Kulturen ohnehin noch nicht als richtige Menschen; von der Mutter dagegen hingen zukünftige, möglicherweise dann noch einmal erwünschte Schwangerschaften und vor allem das überleben der älteren Kleinkinder ab. Wir wissen heute, dass es während der gesamten Antike weitaus weniger Frauen als Männer gab - obwohl die Männersterblichkeit durch die vielen Kriege sehr hoch war. Man nimmt an, dass dies vor allem durch die Kindstötung weiblicher Säuglinge zustande kam.
Im Mittelalter und der frühen Neuzeit galt Kindstötung bereits als Verbrechen. In dieser Zeit war vor allem das Aussetzen unerwünschter Säuglinge weit verbreitet. Die Mütter legten sie gern auf der Schwelle von Klöstern oder Kirchen ab, in der Hoffnung, dass sich den Babies, um die sie sich selbst nicht kümmern konnten, so vielleicht eine überlebenschance bieten würde. Zwischen 1773 und 1790 beispielsweise betrug die Zahl der jährlich in Paris ausgesetzten Kinder im Durchschnitt etwa 5 800 - bei einer jährlichen Geburtenzahl von 20 000 bis 25 000.
Während des ganzen Mittelalters und bis ins 18. Jahrhundert hinein war die übliche Form der nachträglichen Geburtenregulierung die indirekte Kindestötung durch Vernachlässigung, die mehr oder weniger bewußt vorgenommen wurde. Wenn Frauen ihrem Säugling nicht gleich nach der Geburt die Brust gaben oder ihn zu früh abstillten, war er einer erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt und die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Kind nicht sein erstes Jahr überleben würde. Dies war den Frauen durchaus bekannt. Manchmal konnten sie nicht mehr stillen, weil sie bei der harten Arbeit und den oft schlechten Ernährungsbedingungen keine Milch mehr hatten; in diesen Zeiten stieg auch die Zahl der Früh- und Fehlgeburten (eine nachträgliche Fruchtbarkeitsregulierung der Natur). Aber dieses Mittel wurde nicht selten auch dann eingesetzt, wenn bereits vier oder fünf lebende Kinder da waren. Die Wahrscheinlichkeit des überlebens für Spätgeborene in längeren Geschwisterfolgen war sehr viel geringer als für die Frühergeborenen. Der Tod im Säuglingsalter war eine von der Gemeinschaft akzeptierte, von den Eltern in stillschweigendem Einverständnis vollzogene Form der nachträglichen Geburtenregelung. Der Säugling wurde nicht mehr getötet oder ausgesetzt, aber sein Tod wurde gewissermaßen billigend in Kauf genommen.
Auch Abtreibungsmethoden waren im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bekannt. Sehr viel Erfahrungswissen hatte sich bei den Hebammen angesammelt, die nicht nur für Entbindungen, sondern auch als Helferinnen bei Unfruchtbarkeit, bei der Zubereitung von Liebestränken und bei der Abtreibung gefragt waren. Man kannte eine Reihe von Kräuterextrakten und -absuden, die im frühen Stadium von Schwangerschaften Kontraktionen der Gebärmutter und Fruchtabgänge auslösten: Mutterkorn, Gartenraute, Reinfarnöl, Petersilienöl, Wacholder und Sadebaum. Auch Sitzbäder und Spülungen, etwa mit Senfpulver hatten ähnliche Wirkung. Halfen diese Mittel nicht mehr, versuchten die Frauen, der Gebärmutter von außen Erschütterungen beizubringen, durch Schleppen schwerer Lasten, durch das Springen von Stühlen, Tischen und Heuböden. Manche Hebammen beherrschten Massagetechniken, die zu einer Ablösung des Embryos führten (heute sind solche Methoden zum Teil noch in fernöstlichen KuIturen bekannt); sie waren allerdings sehr schmerzhaft und konnten bei stümperhafter Anwendung zu lebensgefährlichen Bauchhöhlenverletzungen und Blutungen führen. Das Herumstochern mit mechanischen Instrumenten in der Vagina, um den Gebärmuttermund zu reizen und zu öffnen, war eine ebenfalls bekannte aber nicht sonderlich beliebte Methode - sie wurde, wie andere lebensgefährliche Mittel, erst im Laufe des 19. Jahrhunderts üblicher, als das Verhütungs- und Abtreibungswissen insgesamt einen sehr niedrigen Stand erreicht hatte.
Das Wissen über die verschiedenen Abtreibungsmethoden wurde in der Subkultur der Frauen von den älteren an die jüngeren weitergegeben; den Hebammen als den "weisen Frauen" kam dabei große Bedeutung zu. Mit dem Niedergang des Hebammenstandes und dem Aufstieg der männlichen Gynäkologen ging viel von dem Erfahrungswissen der Hebammen verloren.
Traditionell waren die Männer eher für die Verhütung, die Frauen eher für die nachträgliche Geburtenregelung verantwortlich. Die Männer wandten empfängnisverhütende Mittel allerdings im allgemeinen nur in illegitimen (d.h. außerehelichen) Beziehungen an; ihre Kenntnisse und Fertigkeiten bezogen sie dabei von den Prostituierten. Gute Liebhaber praktizierten den Coitus interruptus, eine uralte Technik, die aber als sündhaft galt (Samenverschwendung). Auch aus Tierblasen hergestellte Kondome waren lange bekannt; sie waren allerdings nicht ganz undurchlässig und wurden eher zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten als zur Empfängnisverhütung getragen. 1843 gelang mit der Vulkanisierung von Gummi die Herstellung künstlicher und sicherer Kondome.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts kamen eine Reihe sehr gefährlicher Abtreibungsmittel auf: Arsen, Phosphor, Blei, Chinin - alles hochgiftige Chemikalien, deren Wirksamkeit davon abhing, ob es gelang, genau die richtige Dosierung zu finden, die hoch genug war, den Embryo, aber zu niedrig war, zugleich die Mutter zu töten, eine furchtbare Gratwanderung. Manche dieser Mittel hatten schreckliche Nebenwirkungen, wie z.B. Nervenlähmungen und Nierenschädigungen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts stocherten die Frauen auch zunehmend mit allerlei Fremdkörpern in ihrer Vagina herum, um die Leibesfrucht loszuwerden
Man nimmt an, dass zwischen 1900 und 1940 in Deutschland jede vierte Schwangerschaft mit einer illegalen Abtreibung endete. Ende der 20er Jahre starben ca. 8000 Frauen an den unmittelbaren Folgen von Abtreibungen.
Dies waren die chaotische Zustände, die etwa die Bilder von Käthe Kollwitz und die sozialkritische Literatur des frühen 20. Jahrunderts anklagten.
Warum waren diese Mißstände, der Gebärzwang und die schrecklichen Folgen, kein zentrales Thema für die bürgerliche Frauenbewegung der Jahrhundertwende? (Einige der Frauen des "gemäßigten" Flügels traten sogar bei den ersten Diskussionen des Reichstags dezidiert gegen eine Straffreiheit bei Abtreibung ein).
Das Emanzipationsmodell dieser Frauen sah eine Emanzipation von der Fruchtbarkeit vor, die gleichzeitig eine Distanzierung von der (Hetero-) Sexualität bedeutete. Die Frauenrechtlerinnen verlangten einen Zugang der Frauen zu Bildung, Beruf und ökonomischer Eigenständigkeit, der als Alternative zur Ehe gedacht war - und Ehe war gleichbedeutend mit Sexualität, Fruchtbarkeit, Mutterschaft. Beruf dagegen hieß: keine sexuellen Beziehungen zu Männern, keine Mutterschaft.
Anders als die feministische Frauenbewegung der Gegenwart akzeptierte die damalige Frauenbewegung die gesellschaftlich vorgegebene Verklammerung von Sexualität, Schwangerschaft, Mutterschaft, Ehe und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung grundsätzlich. Sie verlangte nur, dass es (für manche, berufene Frauen) eine gesellschaftliche Alternative dazu geben müsse. Für diese Alternative kämpfte sie. Verhütung war deswegen für die bürgerlichen Frauen kein zentrales Problem: außerhalb der Ehe hatte Frau sowieso keinen Sex mit Männern zu haben und falls sie es doch tat, handelte es sich eher um Fragen der Moral im Einzelfall, als um ein grundsätzliches Thema. Innerhalb der Ehe war es Aufgabe von Mann und Frau, durch Mäßigung beim Geschlechtsverkehr die Empfängnis im angemessenen, für die Frau tragbaren Umfang zu halten; wieder eine Frage der Moral und nicht unbedingt der Frauenrechte.
Ganz anders die feministische Frauenbewegung der Gegenwart. Als sie den Kampf gegen den §218 Anfang der 80er Jahre zum zentralen Thema machte, war die alltägliche Verhütungspraxis "progressiver" Frauen längst von der "Pille" bestimmt. Eigentlich mußte überhaupt keine Frau mehr schwanger werden, wenn sie es nicht wollte, lautete die allgemeine Vorstellung.
Inzwischen aber, seit Mitte des 20. Jahrhunderts, hat die Frauenerwerbstätigkeit gegenüber Jahrhundertbeginn ein völlig neues Stadium errreicht. Zwar hat die Erwerbsquote der Frauen nicht riesig zugenommen, wohl aber die strukturelle Zusammensetzung dieser Erwerbsquote: gerade in den 60er Jahren ist die Zahl außerhäuslich berufstätiger Mütter immens angestiegen. Ein sichtbares Zeichen dafür, dass Frauen die Alternative Beruf und Mutterschaft längs nicht mehr akzeptieren.
Das Ideal des mündigen selbstverantwortlichen Individuums, das seit Beginn der Neuzeit, vor allem seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft, ein männliches Ideal der Selbstentfaltung war, wird heute auch von den Frauen für sich beansprucht. Das heißt, dass Frauen sich immer schwerer tun, ein Entweder - Oder zu akzeptieren, das die Gesellschaft den Männern offensichtlich nicht abverlangt. Frauen wollen eine Ausbildung, einen Beruf, ein eigenes Einkommen und sexuelle Liebesbeziehungen, Lebensgemeinschaften und im allgemeinen irgendwann auch ein Kind, bzw. Kinder.
Hieß früher die gesellschaftlich vorgegebene Alternative für Frauen:
"entweder einen Beruf oder Sex, Ehe, Familie, Mutterschaft", so heißt sie heute, eher stillschweigend als ausgesprochen: "entweder einen Beruf oder ein Kind" bzw. "entweder du bist eine richtige Berufsfrau oder du bist eine richtige Mutter, beides geht nicht". Früher galt eine Frau als Schlampe, die Sex mit einem Mann hatte, mit dem sie nicht verheiratet war; man erwartete von ihr, dass sie nur mit einem Mann ins Bett gehen würde, der sie im Zweifelsfall auch heiraten würde. Heute gilt eine Frau als Schlampe, die nicht wirksam verhütet. Sie darf Sex haben, mit wem sie will, aber wenn sie einmal schwanger wird, legt die Gesellschaft sie auf die Mutterrolle fest.
Die Mutterschaft aber bedeutet heute die schwierigste Identitätskrise im gesamten Frauenleben; Mutterschaft ist das, was am schwersten mit dem Ideal des autonomen, für sich selbst verantwortlichen Individuums in Einklang zu bringen ist. Wenn eine Frau Mutter wird, erfährt sie häufig ihre ganze bisher aufgebaute Identität, ihr Gefühl von sich selbst, wie ausgelöscht. Auf einmal ist sie Nur-noch-Mutter und niemand sonst mehr. Diese Identitätskrise, die im krassen Gegensatz zu dem gradlinigen Selbstverwirklichungsgang des männlichen Individuums steht, wird von Frauen ebenso gefürchtet wie auch als Herausforderung gesucht. Das erklärt einen Großteil ihrer gelegentlichen Ambivalenz beim Verhütungsverhalten.
Mutterschaft heute ist mit sehr viel mehr gesellschaftlicher Verantwortung besetzt, weil die Gesellschaft davon ausgeht, dass sie (gegenüber früher) frei wählbar ist. Wenn eine Frau sich über Stress beklagt oder unter der Widersprüchlichkeit der Anforderungen im Berufs- und Familienleben leidet, heißt es, ausgesprochen oder stillschweigend: "Du wolltest es doch." "Du wolltest doch Mutter werden." "Du wußtest doch, was auf dich zukommt." Während frühere Gesellschaften, in denen Mutterwerden zum unabwendbaren biologischen Schicksal (verheirateter) Frauen gehörte, den Müttern in der weiblichen Subkultur zahlreiche Hilfs- und Unterstützungsleistungen zur Verfügung stellten, muß jede Frau heute, die sich als Individuum für die Mutterschaft entscheidet, diese Rolle für sich selbst neu erfinden und ausbauen, fast ohne gesellschaftliche Unterstützung, in der Regel nur mit Hilfe der meist sehr zerbrechlichen Paarbeziehung.
Der §218 ist deswegen ins Zentrum der Auseinandersetzung um die weibliche Selbstbestimmung geraten, weil die Mutterschaft heute so hoch verantwortungsbesetzt ist. Es ist in hohem Maße unmoralisch, Frauen in einer Gesellschaft zum Austragen unerwünschter Schwangerschaften zu verpflichten, die auf der anderen Seite Frauen lebenslang für das Gelingen des Lebens ihrer Kinder verantwortlich macht. Eine so hochbesetzte Verantwortung kann nur von der Frau akzeptiert werden, wenn sie sich selbst dazu entschieden hat - und ein Ja hat nur da einen Wert, wo grundsätzlich auch ein Nein möglich ist.
Bleibt noch die Frage, warum Frauen, die wissen, dass sie (zur Zeit oder grundsätzlich) kein Kind haben wollen oder können, nicht mit dem relativ perfekten Mittel der Pille verhüten. Die Einwände mancher Pillengegnerinnen, dass sie die Pille nicht vertragen, kann man für vordergründig halten. Eine Frau, die vielleicht über Jahre die Pille nimmt, ist sich ihrer potentiellen Gebärfähigkeit nur noch abstrakt bewußt - sie erlebt sie nicht mehr, weil sie sich weit vom biologischen Rhythmus ihres Körpers entfernt hat. Das mag in großen Phasen ihres fruchtbaren Lebens (im allgemeinen mehr als dreißig Jahre) für die meisten Frauen in Ordnung sein. Aber es gibt Lebensphasen, in denen das Thema "Fruchtbarkeit", egal ob eine Frau nun tatsächlich ein Kind haben möchte oder nicht, von zentraler Bedeutung für ihre Identität ist. Die Abtreibung ist - so gräßlich das manchen LebensschützerInnen in den Ohren klingen mag - die einzige Form der Fruchtbarkeitsregulierung, bei der sich die Frau gleichzeitig ihrer Fruchtbarkeit bewußt wird. Gerade heute, wo Frauen in der Regel nur noch ein oder höchstens zwei Kinder bekommen, wo Fruchtbarkeit also bewußt gewählt wird, ist das Moment der "Fruchtbarkeitslust" ein zunehmend wichtiger Faktor im Verhütungsverhalten. Doch nicht jede Frau, für die es zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig sein mag, sich an das Potential ihrer Fruchtbarkeit zu erinnern, will oder kann wirklich zu diesem Zeitpunkt auch Mutter werden.
Die "Fruchtbarkeitslust" ist wahrscheinlich einer der Gründe dafür, warum die "natürlichen" Verhütungsmethoden, die körpernäher, aber auch fehlerbehafteter sind, phasenweise im Leben der Frauen wichtiger werden. Sie ist auch der Grund dafür, dass es immer einen gewissen Prozentsatz an Schwangerschaftsabbrüchen geben wird, egal, ob sie kriminalisiert werden oder nicht.
Der Kampf der Frauen gegen den § 218 ist deswegen vor allem ein Kampf um ein Selbstbestimmungsrecht, das eben nicht identisch mit dem grundsätzlichen Verzicht auf Fruchtbarkeit ist. Er ist auch der Kampf um bewußt erlebte Fruchtbarkeit und um bewußt verantwortete Mutterschaft.
